Mittelmaß-Mittelmäßigkeit

Über Mittelmaß, Mittelmäßigkeit und Ihre Einzigartigkeit

Unlängst kontaktierte mich eine Journalistin des Life-Style-Magazins WOMAN. Sie bat mich um meine Meinung zum Thema: Mut zum Mittelmaß.

In meinem Verstand fing es unverzüglich an zu rattern: Hä? Wieso brauchen wir Mut zum Mittelmaß? Also ich möchte mein Bestes geben und nicht Mittelmaß sein. Immerhin unterstütze ich auch seit Jahren Menschen dabei, Ihre beste Version ans Licht zu holen. Ja, aber ich bin ein ganz gewöhnlicher Menschen und gehöre in keinem Bereich zur Elite – Mittelmaß eben. Genauer betrachtet sind die allermeisten Menschen Mittelmaß. Interessanter Gedanke. Warum ist dieser Begriff eigentlich so negativ besetzt? Hmm? Verwechsle ich diesen Begriff vielleicht mit Mittelmäßigkeit?

Ratter, ratter, ratter.

Ich erspare Ihnen jetzt weitere Einblicke in mein Gehirn. Nachdem ich das Thema aber sehr spannend finde, verlinke ich Ihnen hier den Artikel, der letztendlich in der WOMAN erschienen ist: Mut zum Mittelmaß.

Außerdem verrate ich Ihnen, wie ich die Fragen zu dem Thema (unten in Fett gedruckt) im Original beantwortet habe. Ich hoffe, es regt sie an, über den Unterschied von Mittelmaß und Mittelmäßigkeit nachzudenken, hilft Ihnen gegebenenfalls Ihre Perfektionsansprüche herunterzuschrauben und erinnert Sie an Ihre Einzigartigkeit.

Los geht‘s.

Job, Sport, Aussehen, Privatleben: In allen möglichen Lebenslagen streben wir nach Perfektion. Warum eigentlich?

Der Wunsch nach Wachstum ist menschlich, natürlich und gesund. Wir kommen quasi als Same mit unseren Anlagen in die Welt und haben den inneren Drang, unser Potenzial zu entfalten und das Beste aus unserem Leben zu machen. Problematisch wird es, wenn wir dabei Idealvorstellungen nachlaufen, uns ständig mit anderen Menschen vergleichen und denken, dass alles – und auch wir selbst – perfekt sein müssten.

Was trägt die Gesellschaft dazu bei?

Die Gesellschaft trägt aus meiner Sicht oft dazu bei, dass wir nicht unsere natürlichen Anlagen entfalten können/wollen/dürfen und unserem Wesen entsprechend wachsen, sondern so werden müssen/wollen/sollen, wie man eben zu sein hat, und dem nachrennen, was gesellschaftlich angesehen und anerkennt wird, sich gehört, erfolgversprechend ist, etc.
Die Tulpe bemüht sich, eine Rose zu werden.

Ihre Erfahrung/Einschätzung: Wie hat sich das durch soziale Medien wie Facebook oder Instagram verändert?

Die „perfekten“ Bilder in den sozialen Medien führen leicht dazu, dass wir uns mit Menschen vergleichen, die es in Wahrheit gar nicht gibt. Es entsteht ein Idealbild im Kopf. Die Idee, dass es Menschen gibt, die eine perfektes Leben haben: erfolgreich im Beruf, eine Traumbeziehung, eine glückliche Familie, bildhübsch und eine umwerfende Figur. Und es entsteht die Idee, dass wir und unser Leben auch so (oder zumindest so ähnlich) sein müssten.

Was ist das Ziel? Woran liegt es, dass heute jeder außergewöhnlich (gut) sein möchte?

Egal welches Ziel wir verfolgen: Alles, was wir haben, erreichen oder sein wollen, hat letztlich damit zu tun, dass wir denken, dass es uns dann besser geht – wir glücklicher sind. In dem Fall steckt bewusst oder unbewusst die Idee dahinter: Wenn ich außergewöhnlich (gut) bin, bin ich glücklich. Weil dann … bin ich erfolgreich, bekomme ich genug Anerkennung, verdiene ich genug Geld oder ähnliches.

Wenn wir in den Medien jemand sehen, der gewinnt (z. B. im Sport), wunderschön, extrem erfolgreich ist, wirken diese Menschen ja oft glücklich.
Aber erstens sehen wir nur eine Moment-Aufnahme und zweitens sehen wir nicht, was in den Menschen wirklich vorgeht. Es gibt bekanntlich Superstars, die sich umbringen, Spitzenathleten, die ständig mit Versagensängsten kämpfen, Millionäre die Existenzängste haben und so weiter.
Letztlich unterliegen wir so leicht dem Irrglauben, Glücklichsein hätte mit den äußeren Umständen zu tun. Dabei wohnt Wohlsein in uns. Und es funktioniert eher umgekehrt: Wir sind nicht glücklich, wenn wir ein Ziel erreichen. Sondern wenn wir glücklich sind, erreichen wir ein Ziel wesentlich leichter.

Mittelmaß vs. Mittelmäßigkeit: Wo liegt der Unterschied?

Mittelmaß gilt immer im Vergleich mit anderen. In Wahrheit sind die allermeisten Menschen Durchschnitt. Nur die wenigsten gehören in einer bestimmten Hinsicht zur Elite – wie z. B. Spitzensportler, Top-Manager, Top-Modells, Billionäre (oder in Österreich Millionäre).

Mittelmäßigkeit bedeutet hingegen, dass man nicht sein persönlich Bestes gibt. Also unter seinen Möglichkeiten bleibt und das eigene Potenzial nicht nutzt. Weniger gibt, als man könnte.

Warum wird „Mittelmaß“ so oft als schlecht empfunden?

Sobald wir uns bewusst oder unbewusst mit anderen vergleichen und dabei gefühlsmäßig schlecht abschneiden, entsteht Unzufriedenheit. Mittelmaß scheint schlecht zu sein. Wir denken, wir wären glücklicher, wenn wir besser als andere wären.

Dabei übersehen wir, dass überdurchschnittlich und glücklich sein nicht zusammenhängt. (Im Gegenteil überdurchschnittliche Menschen sind oft unglücklich und fühlen sich einsam – siehe oben.) Und schlimmer noch, wir übersehen unsere Einzigartigkeit und unser eigenes Potenzial.

Warum kann Mittelmaß sehr wohl erstrebenswert sein?

Es ist wesentlich sinnvoller und erfüllender, das eigene Potenzial zu entfalten und sein Bestes zu leben, als im Vergleich zu anderen der/die Beste sein zu wollen. 95% der Menschen schaffen es damit nicht an die Spitze, aber die Wahrscheinlichkeit glücklich zu sein und seinem Wesen entsprechend zu leben, ist wesentlich höher.

Was würde es mit uns machen, wenn wir uns öfter Mittelmaß zugestehen würden?

Das ist unglaublich entspannend. Wir sparen uns Stress, Frust, Zeit, Kraft und Nerven, wenn wir aufhören uns mit anderen Menschen zu vergleichen oder perfekt sein zu wollen, und uns erlauben, einfach wir selbst zu sein.

Anleitung zum Mittelmaß: Wie können wir uns darauf eingrooven? Und das Streben nach Perfektion hinter uns lassen

Es hilft, sich immer wieder eines bewusst zu machen: Perfekt gibt es nicht. Ein Ideal ist immer unerreichbar – genau das macht sein Wesen aus. Die Latte der Perfektion ist immer zu hoch. Wenn wir versuchen, etwas Unmögliches zu erreichen, kämpfen wir einen Kampf, den wir niemals gewinnen können. Schlimmer noch, wir versuchen jemand zu sein, der wir nicht sind, lähmen und blockieren uns selbst.

Stattdessen können wir uns darauf konzentrieren, unser Bestes zu geben. Das wird –abhängig von der Verfassung und abhängig von dem, was gerade ansteht – mal mehr und mal weniger sein. Mal besser mal schlechter. So ist das Leben.
Sein Bestes zu geben heißt, das zu tun, was eben jetzt möglich ist. So gut es geht. Nicht mehr und nicht weniger. Das genügt.

Auch in der Liebe streben wir nach Perfektion: Verändert das unsere Partnerschaften?

Das bringt natürlich Stress und Druck in Beziehungen. Eine perfekte Partnerschaft zu wollen, heißt den anderen nicht annehmen zu können, wie er ist. Und auch die Auf und Abs, die es in jeder Beziehung gibt, werden unerträglich, wenn wir denken, es müsste immer perfekt sein. Das hat mit Liebe nichts mehr zu tun.

Was würde statt dem ständigen Streben unserem persönlichen Leben besser tun?

Glücklichsein, Zufriedenheit, Freude, Liebe, Sicherheit und innerer Friede lassen sich nicht über äußere Umstände erreichen  – nicht durch andere Menschen, Leistung, materiellen Reichtum, Karriere, Macht, Schönheit, Jugend oder sonst etwas. Und es ist dafür nicht notwendig, irgendetwas Bestimmtes zu haben. Das sind Zustände des SEINS.

Mehr noch: Das ist unser natürlicher Seins-Zustand. Diese Gefühlszustände sind vollkommen unabhängig von äußeren Umständen und Gegebenheiten.

In uns immer da.Das übersehen wir nur oft, weil wir so damit beschäftigt sind, etwas Bestimmtes erreichen oder darstellen zu wollen.
Heißt es würde uns besser tun, sich wieder darüber bewusst zu sein, wer wir sind und was in uns steckt.

Online habe ich gelesen: „Normale Menschen verändern nicht die Welt. Sie treiben keine Innovationen, machen keine genialen Erfindungen, …“ Aber wirken normale Menschen nicht – direkt gesagt – sympathischer auf andere?

Wir brauchen Menschen, die die Welt verändern. Die Innovationen vorantreiben, geniale Erfindungen machen oder an der Spitze stehen. Aber bei weitem nicht jeder hat die Anlagen und das Potenzial dazu. Ich würde aber sagen, jeder Mensch, der authentisch sein Bestes lebt, verändert und bereichert die Welt ein Stück.
Sympathisch oder unsympathisch können sowohl Genies als auch Normalos sein –da würde ich keinen direkten Zusammenhang sehen.

Ausblick in die Zukunft: Werden wir uns noch weiter drillen oder ist in Zukunft mal mehr Normalität und ein entspannterer Alltag drinnen?

Im Zeitalter der Individualisierung wird es mehr und mehr darum gehen, den eigenen Anlagen entsprechend zu leben – authentisch zu sein und sein Bestes zu entfalten. Das ist entspannend. Interessanterweise können wir auf entspannte Weise wesentlich mehr schaffen, bewirken und bewegen – und sind dabei glücklicher.

In diesem Sinne: Go for flow!
Su Busson

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